Und plötzlich war ich digital (und auch noch überzeugt davon)

Die neue Zeit

Es sind eine Menge Nachrichten, die ich jeden Morgen auf meinem Tablet konsumiere, basierend auf immer feiner zusammengestellten und gefilterten RSS Feeds. Ich optimiere meinen Input. Der ist eine begrenzte, wertvolle Ressource, also gehe ich behutsam damit um. Am Ende kommt ein Mix aus Mainstream (Tagesschau, Zeit online, Tagesspiegel,…), progressiveren Plattformen (Telepolis, Fefe,…) und diversen Technologie-Quellen (allgemeine IT-Trends, .NET-News, jQuery,…) heraus, den ich bei einer Tasse grünem Tee überfliege und, wenn mein Auge auf etwas Interessantes fällt, punktuell vertiefe.

Die Filterblase

Es mag sein, dass ich mich mit diesem Vorgehen zusätzlich zu der durch die personalisierte Suche von Google erzeugten Filterblase (oder Informationsblase, oder Filter Bubble), die mir auf Basis meiner bisherigen Suchen aufbereitete Ergebnisse liefert, noch weiter von potenziell relevanter Information isoliere. Und es gibt weitere Einflüsse (Facebook-Likes denen man folgt usw.), die den Flow meiner Informationsaufnahme lenken. Man mag einwenden, dass das grundsätzlich immer der Fall sei, dass sich die menschliche Wahrnehmung einschränken muss, um den Bären von dem Baum zu unterscheiden, und dass Menschen ohnehin die Hälfte der Zeit damit verbringen, sich ihr Weltbild zu bestätigen und ihr Ich zu konsolidieren. Ferner, dass die (politische, philosophische, weltanschauliche) Meinung ohnehin eine Funktion des Charakters ist, dass sich die Blase also viel, viel früher bildet (schon in den Genen oder den Kinderschuhen, was immer es dann ist, Biologie oder Erziehung oder ein Mix). Fichte meinte, „was für eine Philosophie man wähle, hängt davon ab, was für ein Mensch man ist.“ (Johann Gottlieb Fichte, Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre, 1794).

Ein Unsinn namens Meinung

Ich glaube das. Eine eigene Meinung zu haben ist zu einem Ideal der Aufklärung geworden, aber meistens – Blödsinn. Die Meinung ist schon lange da. Wer offen ist, wirklich zuhören und reflektieren kann, mag sie langsam ändern können, mag sich entwickeln, also mit Menschen in einen echten Diskurs einsteigen. Meist fällt der Apfel der eigenen Weltsicht aber nicht allzu weit vom Stamm der eigenen Prägung. Einen weitaus stärkeren Einfluss als eine Diskussion hat das Älterwerden – hier werden viele von uns zum Beispiel etwas konservativer (mit 20 hätte ich das nie gedacht).

Als ich gestern seit Längerem einmal wieder die Zeit – nicht jene vollkommen unverständliche physische Entität, sondern die Wochenzeitung – gekauft hatte (und zwar die dicke Totholzversion) und in ihr las, letztlich auch in dem Versuch, etwas samstägliche Gemütlichkeit zu kultivieren, vielleicht nachzuempfinden, wie es sich früher anfühlte, als Kaffee (Sandinista Dröhnung) und Brötchen (Bio-Dinkel) dufteten und die Zeitung (Taz) raschelte, merkte ich, dass ich mich verändert hatte. Folgendes funktionierte nämlich nicht für mich:

  1. Die Texte waren lang und schön geschrieben, als ich aber jeweils am Ende ankam, stellte sich das Gefühl einer Sackgasse ein. Ein Ende, tot. Da blieben zwei Meinungen, meine und die der Autorin, und weil es ein gut argumentierender Text war, glaubte ich das meiste davon – und plötzlich es gab nur noch eine Meinung. Da ich mich in 99,5% aller Themen ohnehin kaum auskannte (und nach meiner werten Meinung gefragt ohnehin jenen inkompetenten Mix nachgeblubbert hätte, der irgendwie in mir entstanden ist), war ich eigentlich Knetmasse in den Händen jener einen Person, die den Artikel verfasst hat.
    Es fehlten also: die Kommentare, die Diskussion, die weiterführenden Links, die eine Transformation vom doch erstaunlich stumpfen Meinungskomsum zum mehr oder weniger lebendigen (inneren oder äußeren) Diskurs hätten leisten können. Auch wenn – der Einwand liegt auf der Hand – die meisten Kommentare der Lesenden ebenfalls Mainstream-Meinungen sind, eine unendlich langweilige, endlose Repetition von Ansichten aus dem schon oft gehörtem Repertoire der jeweiligen politischen, religiösen oder philosophschen Lager, so sind doch im Schnitt 10-20 % der Posts zumindest interessant, und einige werfen ein völlig neues Licht auf die Sache, zeigen eine Perspektive, auf die ich niemals gekommen wäre und auf die mich die Autorin auch nicht hingewiesen hat (weil sie sie selbst nicht kannte oder ihre Argumentationslinie nicht brechen wollte).
    Und plötzlich – stehe ich wieder ohne feste Meinung da, bin am Zweifeln, weiß eigentlich nichts mehr wirklich, habe lediglich einige Eindrücke mitgenommen, Möglichkeiten gesehen, fühle mich zur Vorsicht aufgerufen – und die Geschichte hat das beste Ende genommen, das ich mir vorstellen kann: ich bin offen geblieben.
  2. Bei der Lektüre beinahe jedes Textes wünsche ich mir mittlerweile zusätzliche Informationen, möchte dieses vertiefen, jenes überprüfen, ein Video sehen, ein Wort nachschlagen. Mein Medienkonsum auf dem Tablet ist praktisch sofort nach seiner Anschaffung organisch geworden: ich verzweige, finde wieder, bilde Perspektiven, folge einer Spur – und kehre am Ende wieder zum RSS-Reader zurück. Ich bin einigermaßen medienkompetent, surfe also in aller Regel nicht sinnlos durch die Gegend (es ist mir aber bewusst, dass das ein echtes Problem ist – man kann im Web ebenso zappen wie vor einem Fernseher und fühlt sich danach ebenso schlecht). Im Gegensatz zum Laptop, der sich auf dem Schoß nie gut machte, oder dem etwas kleineren Notebook, das niemals ein Buch war, ist mein Tablet durchaus – eine Zeitung. Eine lebendige.
  3. Ebenso wie viele Wochenendausgaben (etwa der Süddeutschen) ist auch die Zeit sehr, sehr dick. Viel Papier, und 95% davon werden vernichtet ohne den geringsten Sinn gehabt zu haben (im Fall von Abos wären es an einigen Tagen 100%). Sie ist vollgepumpt mit Werbung, Anzeigen, Beilagen. Und alles wird nach kurzer Zeit weggeschmissen. Das tut weh. Auch wenn die Ökobilanz nicht klar ist, denn wir alle wissen, was die digitale Welt für eine Ökosau ist. Es gibt eine (allerdings nicht ganz wissenschaftliche) Untersuchung der Zeit darüber, wie Laptop und gedrucktes Blatt im Vergleich abschneiden. Die Papier gewinnt, allerdings unter so vielen Annahmen und Einschränkungen, dass man das so oder so hinrechnen könnte (ein Schelm, wer sich etwas dabei denkt, dass es sich um eine Erörterung in der Zeit handelt). Jedenfalls fand die Berechnung auf Basis von Laptops statt – bereits ein Tablet, das sehr viel weniger Strom verbraucht, oder gar ein Ebook-Reader würde die Bilanz klar pro digital verschieben. Den abgeholzten Wald und den ökologischen Wahnsinn, den Produktion und Entsorgung unserer zahlreichen smarten Geräte bedeuten, einander gegenüber zu stellen – dafür bin ich wieder mal nicht kompetent genug. Mein Gefühl ist aber, dass schöne Bücher eine Sache sind und sowohl Zeitungen als auch Zeitschriften als auch Unterhaltungsliteratur eine andere, und dass letztere Gruppe keines analogen Mediums bedarf.

 

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