Agile Pune 2014

Hin und wieder arbeite ich mit indischen Firmen zusammen – um ehrlich zu sein allerdings nur dann, wenn die Anforderungen an das Projekt nicht zu komplex sind (wir sind gebrannte Kinder). Bei meinem letzten Besuch in Pune (die Deutschen sagen „Puuuhna“, geschrieben wird es manchmal „Pune“, und die Inder sagen etwas zwischen „Pune“ und „Puni“) besuchte ich unter anderem die Konferenz Agile Pune 2014.

Das einzig Interessante am Fremden ist der permanent stattfindende Vergleich mit dem Eigenen. Totale Fremdheit, mit der es keine nennenswerte Überschneidung gibt und damit auch keinen nennenswerten Austausch, ist genauso langweilig wie totale Übereinstimmung. Die Würze liegt irgendwo in der Mitte, in einem Intervall, innerhalb dessen ein (mimisches, gestisches, am besten aber verbales) Gespräch möglich ist und wo die Fremdheit des Gegenübers dennoch ständig das Selbstverständnis des eigenen Denkens und Fühlens herausfordert. Man sollte nicht nur dafür offen sein, sondern am besten damit rechnen, dass andere Kulturen selbst die tiefsten gesellschaftlichen Meme, von deren Existenz man nicht einmal etwas ahnt, nicht unbedingt teilen. Damit umzugehen kann durchaus Spaß machen, vor allem wenn die Gegenüber ebenfalls das Bewusstsein haben, dass ein interkultureller Kontext vorliegt. Es kann einen aber auch zur Verzweiflung treiben, wenn man gemeinsam an einem Projekt arbeitet. Sehr wahrscheinlich spricht man nicht dieselbe Sprache, auch wenn die Begriffe täuschend ähnlich klingen.

Seit Jahren arbeiten wir also hin und wieder mit indischen Partnern zusammen, neben solchen aus Pune war auch Bangalore im Paket. Weil ich lange nicht mehr dort war und meinen indischen Freunden und Geschäftspartnern während der letzten vier Jahre praktisch jedes Jahr versprochen habe, sie zu mal wieder persönlich zu treffen, bin ich in den letzten beiden Novemberwochen 2014 also rüber und runter. Wie meistens bin ich über die Emirate nach Mumbai (die Flüge wie immer mit atmosfair kompensiert, trotzdem ein schlechtes Gewissen – war die Reise wirklich nötig? Ja, aber sicher, klar – der persönliche Kontakt ist durch nichts zu ersetzen!) geflogen und von da mit dem Sammeltaxi nach Pune gefahren. Dort habe ich dann einige Freunde, Bekannte und Geschäftskontakte getroffen und diesen und jenen Ort aufgesucht. Von einem möchte ich hier schreiben.

Ich hatte meinen Aufenthalt so gelegt, dass ich die Agile Pune 2014-Konferenz besuchen konnte, für die ich schon von Berlin aus ein Ticket gebucht hatte. Sie fand im Hyatt Regency statt, und die Teilnahme kostete sage und schreibe (die Early Bird-Zeit war natürlich schon lange vorbei) rund 100 EUR für zwei Tage, einschl. zweimal Lunch, einem Dinner und diversen Kaffee- und Chai-Pausen. Die Veranstaltung überraschte nicht nur in dieser Hinsicht.

Von meinem Hotel, in dem seit einigen Tagen eine CD mit Abba Instrumentals (oder eine Playlist? Oder war es eine Endloskassette? In Indien weiß man nicht …) rundlief („Knowing me, knowing you, ahaaa“ – wie machten das die Leute an der Rezeption, dass sie nicht durchdrehten? Morgens beim Duschen drang es durch die Ritzen meiner Zimmertür: „Daaaancing Queen“, dann abends beim Arbeiten, „Waaaterloooo“, beim Einschlafen „S.O.S.“, dann wieder, wenn ich gerade eingeschlafen war, „Knowing me, knowing you, ahaaa“, und immer so weiter, bis sie schließlich nach einigen Tagen eine andere Endlosgeschichte mit Country-Songs eingelegt hatten), musste ich ein Tuk Tuk nehmen und die sieben Kilometer in einer dreiviertel Stunde zurücklegen (abends bin ich dann gelaufen), was irgendwie klappte, auch wenn den Fahrer den Unterschied zwischen den an verschiedenen Orten liegenden Hotels „Hyatt“ und „Hyatt Regency“ nicht sonderlich interessierte – ich habe ihn dann mit meinem Navi gelotst.

Die vorherrschende Energie war der eines Open Space (s. Devopenspace) in Deutschland oberflächlich (und auch in der Tiefe, wie sich später zeigte) nicht unähnlich. Kein Zufall, denn die Organisatoren verwendeten ähnliche Prinzipien („Law of two feet“, „Open table“, …), was den agilen Gedanken nicht nur thematisch, sondern auch formal verankerte. Auch wenn vier der vier Keynote-Speaker aus dem Westen (USA, Neuseeland, Großbritannien) waren, war die Veranstaltung durch und durch indisch. Neben meiner Wenigkeit (was für eine lustige, viel zu selten verwendete, antiquierte Zuschreibung) waren unter den ca. 180 Besuchern (eine weitere Ähnlichkeit zum Devopenspace) vielleicht 10 oder 15 Westlerinnen und Westler, aus Ländern wie USA, Russland, Finnland und Deutschland. Man hatte sich bemüht, einige mehr oder weniger bekannte Vertreter des agilen Gedankens einzuladen. Geld floss nicht, mit Ausnahme von Reisekostenzuschüssen und Unterkunft.

Im Hyatt Regency wurden drei große Räume für jeweils drei parallel stattfindende Tracks gemietet, die natürlich derart unterkühlt waren, dass ich am ersten Tag mit meinen lächerlichen Sandalen und dem T-Shirt hoffnungslos fehlausgestattet war und mich alle paar Minuten auf der Raucherterrasse bei den 30 Grad, für die ich eigentlich gekleidet war, aufwärmen musste, um nicht eine dieser hartnäckigen tropischen Erkältungen zu bekommen. Das fiel auf, und einige Inder sprachen mich darauf an, wobei sie lächelten und mit den Köpfen in einer Weise wackelten, die gleichzeitig „Hihi, der Westler, kommt nach Indien und ihm ist kalt“ und „Wir finden es auch ein bisschen kalt“ ausdrückte.

In den Pausen gab es neben den üblichen, zwar stets sehr netten, aber typischen, Gesprächen („Where are you from?“, „My cousin has been working in Stuttgart!“, „From which company are you?“) auch einige in die Tiefe gehende, insb. jene mit Tushar Sharma, der ein famoser Guy ist und unter anderem sein neuestes Buch (als Co-Autor) vorstellte: Refactoring for Software Design Smells: Managing Technical Debt. Den Geruch konnten wir teilen – Design Smells sind, anders als kulinarische Gerüche, international. Das Buffet war übrigens klasse und vollkommen indisch, bis auf zwei oder drei Versuche, etwas Italienisches zu zaubern. Hier könnten vergleichbare Konferenzen in Deutschland nachlegen (aber bitte nicht, indem sie versuchen, etwas Indisches zu zaubern).

Die ein- bis zweistündigen Workshops waren – was einen fundamentalen Unterschied zum deutschen Open Space darstellt – mit wenigen Ausnahmen (bei denen die Räume allerdings meist leer blieben) im Vorhinein festgelegt, wie auf Konferenzen üblich. Es gab Redner und Zuhörer, wobei sich die Rollen je nach Thema zwischendurch auch auflösen konnten. Agile Methoden wurden anhand von Beispielen und – was teilweise sehr lustig war, aber anders lustig als bei uns – anhand von Rollenspielen gezeigt, es wurde von Fehlschlägen erzählt, von Erfahrungen, die fast – aber irgendwie doch nicht ganz – aus Deutschland hätten stammen können, und so weiter. Stimmung: grundsätzlich sehr nett. Humor: durch die Bank vorhanden und stellenweise ähnlich (man möchte meinen: je mehr internationale Erfahrungen die Person gesammelt hat, desto einfacher konnten wir gemeinsam lachen). Denken: international. Hier war die Creme der indischen Agilistinnen (prozentual gibt es in Indien viel mehr Frauen in der IT als bei uns) und Agilisten versammelt. Ich habe viele schlaue Leute gesprochen.

Naresh Jain, der Hauptorganisator, fragte zu Beginn der Eröffungsrunde, wer ihn nicht kenne. Einige indische und sämtliche westlichen Hände gingen hoch. Er stellte sich als jener vor, der vor einigen Jahren die agile Methodik nach Indien gebracht habe (das Bild, das in mir entstand, war das eines Inders, der eine Pergamentrolle – das Agile Manifest – unter dem einen und einen Laptop unter dem anderen Arm trug und von Westen auf einer Kuh reitend die Grenze nach Indien überschritt – okay, er muss über Pakistan gekommen sein, was das Bild ein wenig stört). Ein guter Redner und ein sympathischer, lockerer Typ. Ein wenig Eitelkeit darf sein. Die einzige Rednerin, die mir wenigstens peripher bekannt war (auch wenn ich noch nie ein Buch von ihr gelesen hatte, war Linda Rising).

Verabschiedet haben wir uns als Freunde. Eine Menge Visitenkarten und die üblichen LinkedIn-Verbindungen wurden ausgetauscht, und viele nette Worte wurden gewechselt, bevor wir unsere Heimwege in alle Himmelsrichtungen antraten.

Add a Comment